Du bist ein Gott, der mich sieht.

Jahreslosung 2023. Mehr dazu...

Am Ende

Die Jahreslosung 2023 führt uns in den alten Orient, zu den Stammeltern des Volkes Israel: Zu Abraham und Sarai, ein vermögendes, altes Ehepaar mit einem wunden Punkt: Gott hatte ihnen einen Sohn versprochen … doch der war nicht da. Sarais Unfruchtbarkeit zog sich wie ein demütigender roter Faden durch ihr Leben. Nach jahrelangem Warten auf die Erfüllung von Gottes Verheissung reisst ihr Geduldsfaden. Sie beschliesst, Gott auf die Sprünge zu helfen: Abraham soll mit Sarais Magd Hagar den schon lange ersehnten Sohn zeugen. Die Sklavin als Leihmutter für ihre Herrin … das war im alten Orient nichts aussergewöhnliches.

Und tatsächlich: Hagar wird vom 85jährigen Abraham schwanger. Ihr Bauch wächst, und mit dem Bauch wachsen der Neid, die Eifersucht und die Verzweiflung Sarais. Hagar lässt ihre Herrin spüren, wer jetzt die angesehenere Position hat … sie, die den Erben unter dem Herzen trägt. Gegenseitige Demütigungen sind an der Tagesordnung, bis die Situation eskaliert. Sarai behandelt ihre Sklavin so schlecht, dass Hagar beschliesst, in die Wüste zu fliehen. Als hochschwangere Frau irrt sie durch die Einöde … orientierungslos, verdurstend und unfähig, ihr werdendes Kind zu schützen. Eine entlaufene Sklavin, mittellos, rechtlos, dem Tod nahe. Erschöpft lässt sie sich an einer Wasserquelle zu Boden fallen. Mutterseelenallein vergräbt sie ihr Gesicht in den Händen und weint. Keiner sieht mich! Keiner achtet mich! Niemand ist auf meiner Seite. Allein gelassen, hilflos, hoffnungslos, wertlos … Hagar ist am Ende.

Diese Erfahrung ist so alt wie die Menschheit: Im Leben stehen wir manchmal am Abgrund. Auf einmal zerrinnt alles, was das Leben ausmacht, wie Sand zwischen den Fingern - alle Hoffnungen, alle Wünsche, alle Erwartungen und Pläne lösen sich in Nichts auf. Auch in meiner Lebensgeschichte gibt es solche Momente. Momente, wo sich scheinbar der Boden unter den Füssen öffnet und man sich die Frage stellt: Wie konnte es soweit kommen? Hat Gott mich vergessen?

 

Neue Kraft

Aber der Engel Gottes fand sie bei einer Quelle in der Wüste … (1.Mose 16,7) Am Tiefpunkt ihres Lebens macht Hagar eine Glaubenserfahrung. Sie begegnet einem Engel ... ein überwältigendes Erlebnis. Der Engel fragt: Hagar, Sklavin Sarais, woher kommst du, und wohin gehst du? (1.Mose 16,8) Diese alltäglich anmutende Frage wird für Hagar zu einer existentiellen. Wo komme ich her, und wo gehe ich hin? Eine wichtige Frage, die es sich auch dann zu stellen lohnt, wenn wir noch nicht am Ende sind: Was ist der Sinn und das Ziel meines Lebens?
Lieber Leser, liebe Leserin: Was ist der Sinn und das Ziel Ihres Lebens?

Dieser Engels-Moment macht Hagar Mut und schenkt ihr neue Würde. Sie wird verwandelt: Aus einer davongelaufenen Sklavin zu einer gesegneten Frau. Das nächste, das Hagar zu hören bekommt, ist aber nicht das, was sie sich erhofft hatte: Der Engel schickt sie zurück in die Obhut ihrer Herrin Sarai. Auch wenn Gott uns segnet, weist er uns nicht immer die Wege, bei denen wir auf Rosen gebettet sind. Er verändert oft nicht die Umstände, aber er verändert unsere Perspektive.

Für Hagar hat sich etwas grundlegend verändert: Sie weiss jetzt, dass sie nicht alleine ist, dass alles einen Sinn hat. Ihr Leben wird nicht bestimmt von der Tatsache, dass sie zur Unterschicht der Unterschicht gehört, auch nicht vom demütigenden Getue ihrer Herrin. Ihr neues Fundament ist die Gewissheit, dass Gott sie sieht, sie ernst nimmt, einen Plan mit ihrem Leben hat und sie segnet. Gott hat Hagars Klage gehört, und er hört auch unser Klagen. Der Engel gibt dem werdenden Jungen in Hagars Bauch den Namen: Ismael. Auf Deutsch: Gott hört. Gott überhört niemanden, der bei ihm Zuflucht sucht.

Hagars Fazit über diese Begegnung mit dem Engel Gottes ist die Jahreslosung 2023: Du bist ein Gott, der mich sieht. (1.Mose 16,13) Das Sehen Gottes ist viel mehr als nur angeschaut zu werden. Es bedeutet, dass Gott in die Tiefe meines Herzens sieht, dass er meine tiefsten Wunden und Wünsche kennt, dass er sich um mich kümmert, dass ich ihm wichtig bin: Meine Vorgesetzten mögen mir das Leben schwer machen, aber du bist ein Gott der mich tröstet und ermutigt. Meine Mitmenschen mögen mich übersehen, aber du bist ein Gott, der mir Würde und Wert gibt. In meinem Umfeld mag ich wenig Beachtung finden, aber du bist ein Gott, der mich kennt und ernst nimmt … Nein, Gott hat mich nicht vergessen!

Der leitende und liebende Blick Gottes lässt in uns etwas Neues entstehen. Manchmal muss unser Leben in die Brüche gehen, bevor wir dafür empfänglich sind. Doch dann kommt jener Augenblick, in dem Hagar sich von Gott wahr genommen und ernst genommen weiss. Das ist für sie wie eine Neugeburt, ein Schlüsselmoment, der sie aufrichtet und ihr neue Kraft gibt, in ihre alten Verhältnisse zurückzugehen.

 

Ewiges Leben

Hagar gibt dem Ort, wo sie Gottes Engel begegnet, einen Namen: Es ist der Brunnen des Lebendigen, der mich sieht. (1.Mose 13,14) Dieser Name lässt mich an Jesus denken. Auch er begegnet einer Frau am Brunnen, die von allen gemieden wird. Jesus hört den blinden Mann auf der Strasse, auch wenn alle anderen an ihm vorübergehen. Er spricht die Frau mit den Blutungen an, die ihn von hinten berührt und am liebsten unbemerkt geblieben wäre, auch wenn sie für die andern unrein ist. Er nimmt den verachteten Zöllner wahr, der sich auf einen Maulbeerbaum verkrochen hat, auch wenn alle andern ihn meiden. Er behandelt jene Ehebrecherin mit Liebe, in der alle nur eine Verdammte sehen.

Jesus gibt den hoffnungslosen, trostlosen und frustrierten Menschen das Gefühl, beachtet, wichtig, wertvoll zu sein und gibt ihnen ihre Würde zurück. Der Frau am Brunnen verspricht er ein Wasser, das in uns zu einer Quelle wird, die bis ins ewige Leben quillt. (Johannesevangelium 4,14)
Bei Jesus Christus bin ich am Brunnen des Lebendigen, der mich sieht. Bei ihm finde ich neue Hoffnung, neue Kraft, neues Leben. Jesus ist der Gott, der mich sieht.

Jesus sieht auch Sie, lieber Leser, liebe Leserin ... ihre Wünsche und ihre Wunden, ihr Bemühen und ihre Verzweiflung, ihre Ängste und ihre Hoffungen. Jesus sieht Sie wirklich, und er bietet auch Ihnen dieses Lebenswasser an - seinen Heiligen Geist - den wir in unser Herz einladen, damit er uns innerlich stärkt und erneuert. Das ändert vielleicht nicht unsere Umstände, aber ganz bestimmt unsere Perspektive.

Ich wünsche uns, dass das Jahr 2023 zum Jahr der Glaubenserfahrungen wird, damit wir begeistert mit Hagar rufen können: Du bist ein Gott der mich sieht!
Mögen die göttlichen Schlüsselmomente im Jahr 2023 dazu führen, dass wir bei Jesus neue Hoffnung, neue Kraft und neues Leben finden, um bei ihm den Durst unserer Seele nach Anerkennung und Geborgenheit zu stillen, da, am Brunnen des Lebendigen, der mich sieht.


Pfarrer Josef Birrer

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