Seid barmherzig ...

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Barmherzig ... wie der Papa

Das Gesetz des Dschungels

Der 10jährige Bub schreit: „Papi, der Luca hat mir einfach eins geboxt, ohne jeden Grund.“ Der Vater: „Und, hast du zurückgeschlagen?“ Darauf der Kleine: „Ja klar!“ Die Antwort: „Dann ist es ja gut!“... Wie du mir, so ich dir! So heisst das Handlungsmuster, das ganz allgemein Verwendung findet. Es ist ein regelrechtes Grundgesetz, das in vielfältigen Variationen zur Anwendung kommt: Wenn du mich beleidigst, lasse ich dich meine spitze Zunge spüren! Du verweigerst mir den Gefallen? Dann verweigere ich dir meine Zuneigung! Wenn du meinen Fehler kritisierst, dann finde ich bestimmt zwei bei dir! Wie du mir so ich dir ... plus Zinsen. Ganz normal, dass wir das weitergeben, was wir bekommen haben. Wer hat schon den Willen und die Kraft, Gutes weiterzugeben, wenn er Schlechtes empfängt? Der andere doppelt nach und legt noch eins drauf, die Spirale von Hass und Gewalt schaukelt sich hoch, bis ... bumm!! Und viele Kriege, ob persönliche oder nationale, enden mit der einen grossen Sehnsucht ... dem Ende von: Wie du mir, so ich dir.

Willkommen im Jahr der Barmherzigkeit!

Wie gut, dass wir nicht in diesem Teufelskreis stecken bleiben müssen. Jesus Christus weist uns den Weg in eine neue Richtung: „Seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel barmherzig ist.“ (Lukasevangelium 6,36). Es gibt ein höheres Gesetz. Es ist nicht das Gesetz der Vergeltung, sondern das Gesetz der Vergebung. Jesus antwortet auf die menschliche Verdorbenheit mit einem göttlichen Angebot und fordert uns dazu auf, dieses anzunehmen: „Seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel barmherzig ist.“ Sein Ruf steht als Jahreslosung über dem Neuen Jahr 2021. Er mahnt uns zur uneingeschränkten Güte, völlig unabhängig vom Verhalten des andern. Eben, wie es der himmlische Vater mit uns macht. Sei barmherzig zu dir und den andern, wie dein Vater im Himmel barmherzig ist zu dir. Willkommen im Jahr der Barmherzigkeit!

Vorsatz trifft auf Minenfeld

Jetzt wissen wir, was zu tun ist! Wir haben unser Jahresziel definiert. Wir wollen barmherzig reagieren: denen Gutes tun, die uns verletzen; jene segnen, die uns beschimpfen; die beschenken, die uns abblitzen lassen. Das Ziel ist, die Mitmenschen Gottes Barmherzigkeit spüren zu lassen. Aber ... Was, wenn mich jemand einfach übergeht und sich die Faust im Sack zusammenballt – trotz meines guten Vorsatzes? Was, wenn ich mich bei der nächsten Autofahrt mit hochrotem Kopf frage, ob der Verkehrsteilnehmer vor mir den Führerschein im Lotto gewonnen hat, und es einfach unmöglich ist, ohne zu hupen an ihm vorbei zu fahren!? Oder wenn mein Mitarbeiter oder Mitschüler den Mund aufmacht und Giftstoffe versprüht, gegenüber denen Corona-Aerosole wahre Segensdüfte sind: Was, wenn mein barmherziger Vorsatz auf ein Minenfeld trifft?

Auf dem Weg zur göttlichen Barmherzigkeit merken wir: Die blosse Einsicht und der gute Vorsatz, die eigene Mühe und Anstrengung reichen nicht aus, so barmherzig zu sein wie Jesus. Es ist nicht so einfach, das Kriegsbeil der Unbarmherzigkeit zu begraben. Da fehlt was. Und die faule Stelle sitzt ganz tief innen, an der Wurzel des Menschseins. Wie kommt man da raus?

Gott ist reich an Barmherzigkeit

Im Epheserbrief 2,4-5 lesen wir: Gott aber, der reich ist an Barmherzigkeit, hat uns, die wir infolge unserer Sünden tot waren, in seiner grossen Liebe, mit der er uns geliebt hat, zusammen mit Jesus Christus lebendig gemacht. Die Menschheit ist tot in ihren Sünden. Das heisst ohne die erforderliche Kraft, so gut, so barmherzig zu sein, wie Gott es gerne hätte. Gefangen im Teufelskreis der Vergeltung. Wie du mir so ich dir. Ich gebe das zurück, was ich bekomme. Wenn jemand sich an mir schuldig macht, schlage ich zurück, bis alle tot sind, tot in ihren Sünden. Dieses Gesetz von Ursache und Wirkung reisst die ganze Menschheit wie eine gewaltige Lawine unaufhaltsam in die Tiefe ... Versuch mal, in einer Lawine gegen den Strom zu schwimmen.

Der Kontrast dazu ist der himmlische Vater: Er ist reich an Barmherzigkeit. Er handelt immer barmherzig. Nicht, weil er es sich vorgenommen hat, sondern weil er barmherzig IST. Barmherzigkeit ist sein ureigenstes Wesen, sein innerster Charakterzug. Es gibt nichts Unbarmherziges an Gott, er kann gar nicht anders, als barmherzig zu sein. Der himmlische Vater ist die personifizierte Barmherzigkeit. Und hier liegt der Schlüssel begraben. Es heisst ja nicht nur: Handelt barmherzig, wie es der himmlische Vater tut. Es heisst: SEID barmherzig wie er!

So barmherzig sein wie Gott? Da wird mir klar: Mein Schöpfer muss mich neu erfinden, dass ich so bin, wie er. Und genau das will er tun. Am Kreuz, im Leid und Tod von Jesus Christus, da kann ich die Tiefe von Gottes Barmherzigkeit erkennen. Da hat Jesus für meine Schuld bezahlt. Da hat er alles, was ich durch meine Unbarmherzigkeit angerichtet habe, auf sich genommen. Er wurde an meiner Stelle verhöhnt, geschlagen, verspottet, angespuckt, ausgelacht, ausgepeitscht, gefoltert, ermordet. Der Tod von Jesus Christus ermöglicht es mir, aus dem unheilvollen Sog zu kommen. Nehme ich sein Opfer im Glauben an? Dann tun sich mir neue Wege auf...

Den Teufelskreis durchbrechen

Nach dem Tod am Kreuz ist Jesus Christus in ein neues ewiges Leben auferstanden. Ein Leben, das durchdrungen ist von den Eigenschaften Gottes. Ein Leben in überfliessender Barmherzigkeit. Und ein solches Leben will Jesus auch mir und dir schenken. Er will dich so lebendig machen, wie er lebendig ist, er will dich so barmherzig machen, wie er barmherzig ist ... aber nicht bloss den Taten nach, sondern dem Wesen nach. Es ist sein Heiliger Geist der Barmherzigkeit, den Jesus in unsere Herzen ausgiesst. Bitte ihn um diesen Geist, bitte ihn, dass seine Barmherzigkeit deinen Durst nach Vergeltung überwindet, so dass du die Waffe der Unbarmherzigkeit fallen lassen kannst. So wird nach und nach ein neuer Geist in dir lebendig, eine neue Kraft macht sich in dir breit, ein neues Gesetz wird in dein Herz geschrieben. Es gilt nicht mehr: Wie du mir, so ich dir. Neu gilt: Wie Gott mir, so ich dir.

Wer zu andern barmherzig sein will, muss es auch zu sich selber sein. Mit andern barmherzig sein bedeutet nicht, alles zu schlucken oder die Wut im Bauch einfach zu verdrängen. Ein barmherziger Mensch ist nicht blind seinen eigenen Wunden gegenüber. Gib deiner Wunde einen Namen. Benenne sie mit Verlassenheit, Verrat, Übergangen werden ... lege sie im Gebet in die Wunde von Jesus: in seine Verlassenheit am Kreuz, in seinen Verrat durch Judas, in sein Übergangen werden durch viele Zeitgenossen. Lass deine Wunde in der Wunde von Jesus heilen. Die Wunde wird nicht einfach verschwinden, aber die wird aufhören, nach Vergeltung zu schreien. Und Stück für Stück werden wir aus dem Todeskreislauf befreit: Gott aber, der reich ist an Barmherzigkeit, hat uns ... zusammen mit Jesus Christus lebendig gemacht.

Wie Jesus mir, so ich dir!

Der Maßstab für mein Handeln muss nicht die Frechheit und Bosheit des Gegenübers sein, sondern Gottes Vorbild und Kraft. Der andere kann nerven, nörgeln, ärgern, den Schlaf rauben, viel Negatives in mein Leben tragen, eins kann er mir aber nicht nehmen: Meine Freude an Gottes Liebe, die mich aufrichtet und neue Kraft in mein Leben spült, und meine Dankbarkeit dafür, wie barmherzig Jesus zu mir war ... und ist. Die grosse Liebe, mit der uns der barmherzige Vater liebt, das macht uns Christen aus. Wir gehören ihm, und nicht unserem Ärger, unserem beleidigt Sein oder unseren Rachegefühlen, die uns gefangen nehmen wollen. Und weil der himmlische Vater immer wieder neue LIebe und Kraft in mein Leben spült, färbt sein Wesen auf meines ab. Es gelingt mir, barmherzig zu reagieren ... vielleicht nicht immer, aber immer öfter.

Wir alle können so leben. Es ist möglich, dass wir uns hineinnehmen lassen in einen lebendigen Kreislauf. Wir empfangen Barmherzigkeit, Heilung und Kraft aus Gott und geben es weiter. Wir leben nach dem Prinzip: Wie Jesus mir, so ich dir. Und wo dieser lebendige Kreislauf in Gang gekommen ist, da breitet sich das göttliche Leben aus und wirkt hinein in unser Leben, unsere Ehen, unsere Familien, unsere Gesellschaft. Es kommt zur Gesundung, Stück für Stück, im Jahr der Barmherzigkeit ... und darüber hinaus. So werde barmherzig, so barmherzig, wie der Vater im Himmel barmherzig ist.

Pfarrer Josef Birrer, Januar 2021
Die ganze Predigt zur Jahreslosung finden Sie hier (Audio oder Video).

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