Hilf meinem Unglauben ...

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Ich glaube, hilf meinem Unglauben!

Es ist eine herzzerreissende Begebenheit, die uns der Evangelist Markus in seinem Kapitel 9 beschreibt. Sie handelt vom Glaubenskampf eines verzweifelten Vaters auf der Suche nach Hilfe für seinen dämonisierten Sohn. Furchtbar, wie dieser Dämon den Jungen quält, in auf den Boden wirft, vielfach auch ins Feuer oder ins Wasser, oft kommt er nur knapp mit dem Leben davon – tiefe Ohnmacht über Jahre. Niemand und nichts hat bisher geholfen, kein Arzt, kein Priester, kein Quacksalber.

Nach jahrelangem Suchen, Bangen und Hoffen hört dieser Vater von Jesus aus Nazareth, der angeblich mit jedem Dämon fertig wird. Er macht sich auf, um Jesus zu suchen, und trifft zuerst seine Jünger. Können die ihm vielleicht helfen? Seine Hoffnung ist berechtigt, Jesus selber hatte seine Jünger angewiesen, Besessene zu befreien.

Ohnmacht statt Superpower

Aber erneut wird er enttäuscht: Nicht einmal die Jünger von Jesus können dem Dämon Herr werden. Und wieso sollte es der Meister können, wenn es seine Schüler nicht fertig bringen. Der Vater verliert nicht nur seine Hoffnung, er verliert auch seinen Glauben.

Und dann kommt Jesus dazu. Er merkt, was läuft. „Wie lang soll ich es noch bei euch aushalten und euch ertragen?“ Jesus ist über den Unglauben seiner Freunde betroffen und schimpft. Wie oft hatten sie schon miterlebt, was er zu tun vermag. Wie oft hatten seine Jünger selber schon Aussergewöhnliches vollbracht. Und dann kam diese Situation, in der plötzlich nichts mehr ging. Ohnmacht statt Superpower. Aber Jesus, wieso konnten wir nicht? Die Antwort auf die Frage der Jünger ist: Gebet. Im Sinne von: Ihr habt nicht darum gebeten, ihr habt auf euch selber vertraut statt auf mich.

Wie schnell und wie gerne bilden wir uns etwas darauf ein, wenn uns etwas gelingt. Wie schnell geht vergessen, dass alles, was wir haben und können, unser Besitz, unsere Fähigkeiten... eine Gabe vom himmlischen Vater ist, der uns diese Dinge für eine bestimmte Zeit zur Verfügung stellt. Wie schnell stellen wir unsere Erfahrungen über unsern Glauben.
Und Jesus schimpft, aus Liebe. Das rückt die Jünger zurecht und öffnet ihnen die Augen.

Ohnmacht statt Glaube

Dann geht Jesus einen Schritt weiter: „Bringt den Jungen her!“ Der Junge bekommt gerade einen Anfall: Zähneknirschen, Mundschaum, Schreien, Krankenstarre. Dem Vater tut es in der Seele weh. Aber Jesus hilft immer noch nicht. Der nächste Patient ist der Vater: Er fragt ihn nach der Krankengeschichte – nicht weil er sie nicht kennen würde, sondern um ihm zu helfen. Der Mann malt sich das ganze Leid nochmal selber vor Augen, bis er zu dem Punkt kommt, an dem er Jesus anschreit und fleht: „Hab doch Mitleid mit uns! Hilf uns, wenn du kannst!

Jesus lässt den Jungen erst mal zappeln und sorgt sich um die Seele des Vaters. Er sagt seelenruhig: „Was heisst hier: Wenn du kannst? Dem, der glaubt, ist alles möglich.“ Jesus sagt hier eigentlich: Du fragst mich: Kannst du? Das ist die falsche Frage. Ich frage dich: Glaubst du? Stell nicht mein Können in Frage, stell dein Gottvertrauen in Frage. Wer mir vertraut, dem ist alles möglich.

Diese Antwort macht den Vater noch hilfloser und bringt ihn an den Rand der Verzweiflung. Glaubt er denn? Hat er genug Glauben, dass sein Kind wieder gesund wird? Hat er genug Vertrauen in Jesus, dass der helfen kann ... nach all dem, was vorgefallen ist? Wenn er mit sich selbst ehrlich ist, muss er zugeben: Ich habe bei weitem nicht diesen Glauben, der alles vermag. Aber ich kann glauben, dass Jesus so glaubt. Jesus hat diesen Glauben, dem alles möglich ist, und ihn kann ich um den Glauben bitten, den ich für diese Situation brauche.

Und genau das tut er jetzt. Er streckt seine Hand aus und bittet Jesus um Glauben. Er sagt diesen Satz, der auch als Jahresvers über dem neuen Jahr 2020 steht: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!" Der Vater sagt hier: Mein Glaube ist zwar auf der Strecke geblieben, das letzte Stück Hoffnung haben mir deine unfähigen Jünger geraubt, aber ich will trotzdem weiter daran glauben, dass du, Jesus, hilfst. Ich will jetzt nicht einfach aufgeben, ich sehe keine andere Chance, habe keinen Plan B. „Ich glaube, hilf mir heraus aus meinem Unglauben!

Glauben = ehrlich sein vor Gott

Dieser Ausruf fasst gut zusammen, was Glaube eigentlich ist. Glaube und Unglaube gehören zusammen. Der Unglaube ist der Schatten des Glaubens: Zu meinem Bekenntnis, dass ich Gott vertraue, gehört das Bekenntnis meiner Ohnmacht, dass ich mit meinem Glauben irgendwann an meine Grenzen komme. Da, wo das Leid, der Schmerz zu gross werden; da wo ich es nicht mehr so einfach über die Lippen bringe, dass ich vertraue; da, wo Enttäuschung und Zweifel in mir aufsteigen und ich zu Gott sagen muss: Ich habe Grund, dir nicht zu trauen, aber ich entscheide mich trotzdem für dich. Du bist mein Gott, und auch im Zustand der Ohnmacht erwarte ich alles von dir. Zu wem sonst könnte ich gehen? „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“  

Es heisst also nicht: Entweder Glaube oder Zweifel. Es heisst: Ja Jesus, ich will dir gerne vertrauen, und doch melden sich gleichzeitig auch Fragen und Zweifel. Ich sehe Dinge, Menschen, Nöte, Probleme, die ich irgendwie nicht zusammenbringe mit deiner Liebe, mit deiner Macht, deiner Güte. Herr ich glaube, hilf meinem Unglauben. Und da, wo ich ehrlich bin mit allen Zweifeln und Fragen, da kann der Glaube wachsen. Da wird er echt. Da wird er geläutert. Da wird er belohnt.

Jesus bedrohte den bösen Geist: „Du stummer und tauber Geist, ich befehle dir: Verlass diesen Jungen und kehre nie wieder zu ihm zurück!“ Das ist schon bemerkenswert: Vorhin hat Jesus seine Jünger gerade noch beschimpft wegen ihres Unglaubens, und jetzt heilt er den Sohn dieses Mannes, gerade so als sei dieser Vater ein Paradebeispiel für den Glauben, dem alles möglich ist. Der Vater war im Eingeständnis seiner Ohnmacht Jesus wohl näher als die Jünger in ihrer Einbildung, Glaubenshelden zu sein.

Der Glaube ist keine menschliche Kompetenz, er ist kein Besitz, der mich mit Allmacht ausstattet, so wie ein Haufen Geld, mit dem man alles kaufen kann. Glaube ist nicht etwas, das man einfach hat oder nicht hat. Glaube kommt immer wieder neu zu uns, wir empfangen ihn von Gott. Glaube ist seine Gabe, wenn wir mit ihm verbunden bleiben und uns öffnen. Jesus Christus schenkt uns den Glauben, den wir brauchen, Jesus ist der Ursprung und der Geber unseres Glaubens, und er ist das grosse Vorbild und der Vollender unseres Glaubens. Nur Jesus hat den Glauben, dem alles möglich ist.

Ich glaube, hilf meinem Unglauben. Der Vater bekennt, dass sein Glaube von der Hilfe von Jesus abhängig ist. Er erkennt seine Zweifel an, aber er bleibt nicht in ihnen stecken, sondern er wendet sich damit an Jesus. Er legt ein ehrliches Glaubens-Zweifel-Bekenntnis ab. Damit ist Gott für ihn ganz Gott, und es kann geholfen werden.

Unser Glaube ist ein Prozess, Glaube ist Unterwegssein, der Glaube ist da am echtesten, wo wir uns unserem Unglauben stellen und Gott bitten, ihn zu heilen. Es gibt in der Bibel kaum eine Geschichte, die authentischer über den Glauben redet als diese: Ich glaube, hilf meinem Unglauben!

Josef Birrer, Januar 2020

Predigt vom 19. Januar zur Jahreslosung

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